Numa - Sumpfland
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NUMA – Das Sumpfland von Yasuaki Kitagawa

Die Weißfrauen Diakoniekirche ist kein einfach zu gestaltender Raum. Die bunten Glasfenster und der sich gegenüber dem Eingang erhebende Altar sind sehr dominant, während der helle Steinboden mit seinen grauen Fugen zumindest schlicht und freundlich wirkt. Er scheint der Ausgangspunkt für Yasuaki Kitagawa zu sein, dessen Installation aus Metall und Holz nicht nur die Farbigkeit, sondern auch die Formen des Bodens aufnimmt. NUMA – Das Sumpfland nennt Kitagawa den Parkour aus einem Holzsteg der durch ein Feld hauchdünner Aluplatten Richtung Altar führt. Die Platten, groß wie Pfützen, sind über einen kaum sichtbaren Zug- und Druckmechanismus mit dem Steg verbunden, werden bei jedem Schritt über Drähte in Schwingung gebracht, was wiederum Töne hervorbringt, die an das entfernte Donnern eines Gewitters erinnern. Im Gehen kommen verschiedene Bilder hoch. Man denkt an das schon länger zurückliegende Erlebnis einer Geisterbahn, deren unstabiler Boden einem als Kind Spass und Gänsehaut zugleich bescherte, aber auch an den letzten Spaziergang durchs Naturschutzgebiet, durch das man ebenfalls auf festgeschrieben Wegen wanderte. Amüsiert und beeindruckt läuft man noch ein zweites, drittes Mal über den schwankenden Steg und freut sich an den Wellen und dem Lärm den man verursacht. Doch dann verändert sich der Schritt, man bleibt stehen und hört in die Stille. Und plötzlich öffnet sich ein weiterer Raum. War man zunächst vom Widerhall der Installation umschlossen, macht sich jetzt in der Stille, das Ohr neugierig auf, auch die leisesten, entferntesten Geräusche zu erkunden. Vögel draußen singen ihm was vor. Auch das Auge erhält neue Reize. Auf den Pfützen tanzt buntes Licht. Immer mehr verbindet sich das Außen mit dem Innen. In Japan ist Sumpfland fruchtbares Land. Ich freue mich, dass ich es gesehen habe.
Numa - Sumpfland
NUMA – Das Sumpfland war bis zum 30. Juni 2017 in der Weißfrauen Diakoniekirche zu sehen.

 

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MICHEL KLÖFKORN @ CON[SPACE]

What‘s up in Germany? People are sitting on their traffic lights. Is this car-driving nation letting go? Are they asking themselves new questions?

In Form eines Werbeclips promotet der Künstler Michel Klöfkorn eine öffentliche Aktion, das Ampelsitzen, als Reaktion auf die heutige Autokultur, die nicht nur unser Leben beschleunigt, sondern auch den urbanen Raum gestaltet. Vielleicht ist „Ampelsitzen“ aber auch weniger eine Anleitung zum Handeln, als vielmehr ein ironischer Kommentar zur immer beliebter werdenden Verschmelzung von Protest- und Eventkultur? Auf jeden Fall sticht der Kurzfilm, der 2007 im Rahmen des Projekts: Commercials for concepts. Ideas for Europe. (Raum für Projektion, Köln) entstand, aus Michel Klöfkorns Werk heraus.

Der Filmemacher experimentiert gern und verwendet verschiedene Techniken wie Zeitraffer oder Stop Motion. Entweder greift er ein Stück Welt heraus, eine Landschaft, Zeitschriftenseiten, Werbeplakate und bearbeitet sie. Oder er zeichnet aus der Erinnerung, wie für den Film „Ich fahre mit dem Fahrrad in einer halben Stunde an den Rand der Atmosphäre“ von 2011 mit dem Klöfkorn 2012 den Deutschen Kurzfilmpreis gewann. Der Film aus 10000 Einzelbildern behandelt gesellschaftliche Themen wie Ökonomie, Geschichte, Militarismus, Stadt und Natur auf eine assoziative Weise.

Die Reise beginnt in einer Landschaft. Weiße Linien auf schwarzen Grund biegen sich wie Halme im Wind. Vogelgezwitscher, Bienensummen. Plötzlich leuchten Schraffuren auf, werden zu Gewitterwolken, die Schatten auf eine sturmgepeitschte Wiese werfen. Nicht nur die Landschaft auch der Betrachter gerät in Bewegung. Schatten von sich drehenden Fahrradspeichen, vorbeiziehende Autogeräusche geben ein wenig Orientierung. Wir befinden uns scheinbar auf einer Straße. Im nächsten Moment verlieren wir auch diese Sicherheit, da sich die Lichterkette, die die Straße markiert, in das flirrende Lichtspiel von Fahrgeschäften verwandelt. Vom nächtlichen Kirmesbesuch geht‘s weiter auf der Reise durch verschiedene Bildwelten. Von Vögeln begleitet, schweben wir durch ein vor uns zurückweichendes Geäst bevor uns eine Schar von Zahlen entgegen fliegt und wir uns an der Börse wähnen. Das Zahlendickicht löst sich schließlich wieder auf, wird zum Sternenhimmel, dessen Sternenbilder wiederum an Nervenbahnen erinnern. Phrasen wie „Psychoanalyse der Siegessäule“ und andere heitere Tiefgründigkeiten, die in den Bilderfluss eingewoben sind, eröffnen weitere Assoziationsketten. Michel Klöfkorn geht es darum, Dinge zu zeigen, die man weder fotografieren, noch filmen kann. Mit seinen Zeichnungen gelingt es ihm, eine eigene Welt zu erschaffen, die Gegenwärtiges und Vergangenes, Galaktisches und Mikroskopisches, Bildliches und Sprachliches miteinander in Beziehung setzt.

Die Ausstellung Michel Klöfkorn : Ampelsitzen im con[SPACE] (Atelierfrankfurt) läuft bis zum 27. August 2015 Öffnungszeiten: Di, Mi, Do 16.00 –19.00

Ausstellungsansicht fotografiert von Raul Gschrey

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„Alte und neue Kontingenzprobleme wie Liebe und Kapitalismus“ von Jos Diegel

Während der Besucher auf fünf Monitoren einem missglückten Schauspiel folgt, in dem kompilierte Phrasen zu Themen wie Liebe, Kapitalismus und Demokratie heruntergedroschen werden, verschiebt sich seine Aufmerksamkeit auf das Setting, den Willy-Brandt Platz. Ständig wechselt die Perspektive. Die Kamera ist nicht nur auf die Darsteller und den Künstler als Regisseur gerichtet, sondern auch auf alltägliche Dinge wie einen herumschnüffelnden Hund, Gartenarbeiter, Touristen. Und immer wieder ist das riesige, blaue Euro-Zeichen mit den anhaftenden gelben Sternen von Ottmar Hörl im Bild. Hörls eingängige Visualisierung des Gründungsgedankens der Europäischen Union ist zum Wahrzeichen geworden und angeblich das meist fotografierte Objekt Frankfurts. Jos Diegel der Hörl für die erweiterte Präsentation seiner Arbeit „Schatz, unsere Liebe und die Kapitalismuskritik sind doch nicht mehr ganz so gut« von 2012 interviewte, fügt dem Spektrum an Perspektiven noch eine weitere Sicht hinzu. Hörl spricht über seine damaligen Motive, den Erfolg, die spätere Kritik an seiner Umsetzung, aber auch über die Entwicklung der Europäischen Union und deren Bedeutung für die Selbstrepräsentation der Europäischen Zentralbank.

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Vom simplen Zeichen zur komplizierten Formel // Kunst am Bau der EZB

Sa 16. Juli, 19 Uhr

offene Gesprächsrunde zur Finissage der Ausstellung „Alte und neue Kontingenzprobleme wie Liebe und Kapitalismus“ im Vereinslokal des ATELIERFRANKFURT, Schwedlerstrasse 1-5, 60314 Frankfurt am Main

https://conspace.wordpress.com

 

Fotos von Raul Gschrey

 

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STERNMORGENSTERN (DANIEL STERN / MARCUS MORGENSTERN) IM CON[SPACE], ATELIERFRANKFURT

 

Sternmorgensterns neueste Videoarbeit trägt den Titel „screen“. Hinter dem englischen Wort „screen“ verbirgt sich ein ganzes Spektrum an Bedeutungen. Wir verstehen darunter Bild, Bildschirm, Abschirmung, Projektionsfläche u.v.m. Jede dieser Bedeutungen öffnet ein weiteres Feld, bestehend aus Definitionen, Assoziationen, Erinnerungen. Wir bewegen uns nicht nur physisch, sondern auch mental in Räumen, die wir selber konstruieren. Ausgehend von dieser Annahme entwickeln sternmorgenstern ihre Konzepte zur Erforschung realer wie imaginärer Räume.
Neben Interventionen im realen Raum spielt Video als Experimentierfeld eine wichtige Rolle im Werk der beiden. Für „screen“ zeichneten sie Linien auf der stark befahrenen Fahrbahn vor dem neuen EZB-Tower auf. Diese unscheinbaren Zeichen, welche am Tag der Eröffnung der EZB eine Sicherheitszone markierten und nun, ohne die Absperrungen, keinen Sinn mehr haben, werden zum Ausgangspunkt der künstlerischen Untersuchung. Sternmorgenstern thematisieren den Eingriff der Bankzentrale in den öffentlichen Raum, indem sie dessen Spuren durch die digitale Manipulation einer Videoaufnahme zu einer ihrer Konstruktionen erweitern. Diese erinnert nicht nur an Zäune, sondern bildet ein Raster. Ein Raster ist mehr als eine Begrenzung. Als elementares Gestaltungsmittel steckt es in den Dingen und beschreibt zugleich das jeweilige Ordnungssystem, die „Brille“, durch welche wir diese betrachten.
Für ihre Installationen verwenden die Künstler in der Regel leichtes Material wie dünne Holzlatten. Die Arbeit „square“ (2010/11) zeigt eine begehbare Konstruktion, einen Steg auf Stelzen, der sich kreisförmig über Stuhlreihen vor einer Leinwand im Offenbacher Hafenkino erhebt. Zu keinem Zeitpunkt existiert jedoch der gesamte Kreis. Die Künstler arbeiten mit begrenztem Material, das die Auflösung zur Voraussetzung für eine Fortsetzung macht. Durch den Loop wird die symbolische Bedeutung der Kreisfigur zur scheinbar unendlichen Erfahrung gesteigert. Sobald die Konstrukteure für einen Moment aus dem Blick verschwinden, steht zwar nicht das Bild, so doch die Konstruktion still und bruchstückhaft vor uns.

Die Ausstellung ist noch bis zum 18.06. im con[SPACE] zu sehen.

Öffnungszeiten: Di, Mi, Do  16.00 – 19.00

con[SPACE] im Atelierfrankfurt, Schwedlerstraße 1-5, 60314 Frankfurt am Main

Ausstellungsansicht fotografiert von Raul Gschrey

 

 

wunderbare Dinge
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AUF EXPEDITION IN DER UNIVERSITÄT

Dass Wissenschaftsgeschichte auch spielerische und kreative Zugänge erlaubt, ja sogar braucht, zeigte der große Erfolg der Jubiläumsausstellung Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität vom 19. Oktober 2014 bis zum 8. Februar 2015 im Museum Giersch. Anders als das phänomenale Jubiläumsfeuerwerk, war die Ausstellung kein Spektakel mit repräsentativer Absicht, sondern ein bisschen wie ein buntes Familientreffen. Mit viel Humor und Begeisterung für die Schätze der Universität wurden hier 450 Objekte aus vierzig Sammlungen zusammengestellt. Zu Themen, die die Menschheit bewegen, beispielsweise Zeit, Neugier, Idealbild und Tod, traten die Objekte in einen interdisziplinären Dialog. Die Gegenstände wurden nämlich nicht nur aus den Schränken, Schubladen und Kisten geholt, in denen sie normalerweise verstaut sind, sondern auch aus ihren ursprünglichen Sammlungskontexten herausgelöst. Auf diese Weise wurde ein Sehen und Denken angeregt, das sich nicht von vorgefertigten Inhalten leiten lässt, sondern vor allem von der eigenen Neugier. Lustige Zusammenhänge, überraschende Assoziationen, aber auch ambivalente Gefühle entstanden, während man durch die Ausstellung stöberte, über die Plastikjacke mit aufblasbaren Brüsten und Hüften (Jugendkulturarchiv) lachte, diese im nächsten Moment mit dem Idealbild der Antike, einem weiblichen Torso (Archäologische Abgusssammlung) verglich, bevor der Blick auf das orthopädische Stützkorsett (Universitätsklinikum) fiel usw.. Wer sich Kontext wünschte, wurde nicht enttäuscht. Einen wichtigen Teil der Ausstellung bildeten die vierzig Filme, in denen die Sammlungskuratoren von Studenten und Mitarbeitern der Universität zu ihrer Arbeit und den Beständen interviewt wurden.

Ausstellungsansicht

Als die Historikerinnen Judith Blume, Vera Hierholzer und Lisa Reggazoni, die unter der Leitung von Charlotte Trümpler auch die Ausstellung kuratierten, vor vier Jahren damit begannen die Universitätsammlungen zu erforschen, waren gerade mal neun Sammlungen in der Datenbank für Universitätssammlungen in Deutschland verzeichnet. Zusammen mit Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen bildeten sie ein Forschungsteam, die Studiengruppe „ordnen, sammeln, darstellen“ und unternahmen regelmäßig Streifzüge durch die Universität. Sie lernten Sammlungskuratoren kennen, die sie über gut sortierte Bestände aufklärten, aber auch auf Dachböden und in Kellerräume zu vergessen Schätzen führten. Oft hängt das Budget und somit auch die Pflege der Sammlungen davon ab, ob sie aktiv in Forschung und Lehre eingebunden sind oder nurmehr frühere Forschung dokumentieren. Da die meisten Sammlungen nur den Mitgliedern der Fachbereiche bekannt waren, ging es der Gruppe vor allem darum, Zugänge zu schaffen, die einem breiten Publikum Einblicke in die Bestände und ein Verständnis für die Vielfalt wissenschaftlicher Forschung ermöglichen sollte. Der Umfang in dem Studenten in die Forschung und die Produktion von Texten für die Ausstellung und vor allem auch für die danach weiterbestehende online-plattform einbezogen wurden, ist einzigartig und dem besonderen Lehrformat der Studiengruppe, einer Innovation des Forschungszentrums für historische Geisteswissenschaften zu verdanken.

Die Ausstellung Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität war die Auftaktveranstaltung einer auf 30 Jahre angelegten Kooperation zwischen Universität und Museum, das in MUSEUM GIERSCH der GOETHE-UNIVERSITÄT umbenannt wurde.

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Interview mit Raul Gschrey im BiG (Büro für interdisziplinäre Gesprächskultur)

Michaela: Raul, Du bist Künstler, Lehrer und Forscher und arbeitest zur Zeit an Deiner Promotion zum Thema “Composite & Eigenface: Histories and Continuities of Human Measurement between Arts and Science” und beschäftigst Dich besonders mit der Technik der Kompositfotografie. Was genau bedeutet Kompositfotografie und warum beschäftigst Du Dich damit?

Raul: Also die Kompositfotografie ist eine ganz merkwürdige fotografische Technik. Sie wurde Ende des 19. Jahrhundert von dem viktorianischen Wissenschaftler Francis Galton entwickelt. Durch die Überblendung von menschlichen Gesichtern versuchte Galton auf visuelle Spezifikationen zu schließen und darüber Typisierungen herzustellen. Er ging davon aus, dass sich durch diese Technik zeigen lässt, wie zum Beispiel der typische Verbrecher oder ein gesunder Soldat des damaligen Empire aussieht. Dahinter liegt natürlich die Idee, von äußerlichen Charakteristika auf innere Dispositionen schließen zu können, d.h. anhand der Größe von Nase, Augen, Mund usw. psychische Probleme oder kriminelle Eigenschaften zu erkennen. Galtons Kompositfotografie bezieht sich auf ältere physiognomische Konzepte, als man die Maße und Proportionen vom menschlichen Kopf bzw. Gesicht nahm, um anhand dieser auf Charaktereigenschaften zu schließen. Galton gilt übrigens heute als Begründer der Eugenik, also einer Vererbungspolitik die darauf abzielte, den Anteil positiv bzw. negativ bewerteter Erbanlagen zu vergrößern bzw. zu verringern. Seine Theorien wurden später zum Bezugspunkt nationalsozialistischer Rassenlehre.

Was mich besonders an der Technik interessiert, ist, dass sie zu Beginn der Fotografie entstand. 1870 war die Fotografie ein junges Medium im Findungsprozess und bewegte zwischen einer mechanischen, objektiv-wissenschaftlichen Darstellung der Realität und künstlerisch kreativen Ansätzen, bei denen es eher darum ging Stimmungen auszudrücken. Kompositfotografien, die zur vermeintlich wissenschaftlichen Analyse eingesetzt wurden, tatsächlich aber eher wie Geisterbilder aussahen, lagen irgendwo dazwischen.

Es gibt außerdem interessante Bezüge zur heutigen biometrischen Erkennung. Alphonse Bertillon, ein französischer Kriminologe, der die Grundlagen für die biometrische Erkennung schuf, war ein Zeitgenosse Galtons. Die beiden haben sich nicht nur gekannt, sondern auch aufeinander bezogen. Bertillon hat anhand von elf Maßen des menschlichen Körpers eine fast unfehlbare Art und Weise der Identifikation des Individuums entwickelt. Ein Teil dieser Identifikation war auch das frontale und laterale Porträt, die typischen “Verbrecherbilder“, die wir kennen. Obwohl Bertillon eine individualisierte Identifizierung vornahm und Galton eher versuchte zu Typisieren, weisen ihre Fotografien starke visuelle Gemeinsamkeiten auf. Auch verraten beide Ansätze etwas über das Menschenbild der Zeit. Nämlich dass man Identität reduzierte: auf das was durch eine fotografische Linse abbildbar ist. Während Galton versuchte den Durchschnitt zu produzieren, ermittelte Bertillon den Unterschied vom Durchschnitt. Beides steckt in der heutigen biometrischen Erkennung. Automatisierte Gesichtserkennungssysteme berechnen die Abweichungen des Individuums vom Durchschnitt.

Kompositfotografie taucht heute vor allem im künstlerischen Kontext auf. Nancy Burson, eine amerikanische Künstlerin, arbeitete in den 80er Jahren mit analoger Kompositfotografie. Zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten entwickelte sie das Morphing, die digitale Überblendung von Gesichtern und später auch eine Alterungssoftware, die jetzt wiederum in der kriminologischen Praxis eingesetzt wird.

Mich interessiert wie Künstler heutzutage mit der ‚Kompositfotografieumgehen. Benutzen sie es unreflektiert oder verhalten sie sich zur Geschichte der Technik, die ja durchaus problematisch ist. Außerdem schaue ich, wie künstlerische Positionen auf heutige, biometrischen Identifikationstechniken reagieren. Letztendlich versuche ich mit meinem Promotionsprojekt ein Dreieck aus Kunst – Wissenschaft, Identifizierung – Typisierung, Vergangenheit – Gegenwart zu bilden.

Michaela: Wie gehst Du dabei vor? Spielt Deine künstlerische Ausbildung eine Rolle für Deine historische Forschung? Gibt es Dinge die Du anders machst als der Historiker? Und wie unterscheidet sich die künstlerische Forschung generell von akademischer Wissenschaft?

Raul: Ich schau mir die Bilder ganz genau an. Wie sind sie zustande gekommen? Wer hat sie produziert? Wo kommen sie eigentlich her? Was waren die Machtmechanismen, die zu den Bildern geführt haben? Worauf beziehen sie sich visuell und wie wirkt die Ikonographie, die sie produziert haben, heutzutage? Bevor ich mich theoretisch mit dem Thema Kompositfotografie auseinandergesetzt habe, habe ich außerdem selbst schon künstlerisch mit der Technik gearbeitet.

Es gibt Gemeinsamkeiten. Als Künstler kommt man meist auch über die Recherche zu einem Thema. Man entwickelt oft Dinge, die es vorher schon mal irgendwann gegeben hat und erzeugt Bilder, die in einem anderen Kontext schon da waren. Wenn man das dann bemerkt, bekommen die eigenen Bilder, die eigene künstlerische Produktion wieder eine andere Richtung. Recherchieren, Produzieren, Schauen, was es sonst noch gibt, dann wieder in die eigene Arbeit einsteigen. Dieser Prozess bestimmt auch das wissenschaftliche Arbeiten.

Der zentrale Unterschied würde ich sagen ist, dass ich, wenn ich aus der wissenschaftlichen Perspektive argumentiere, viel stärker versuche mich abzusichern. Ich arbeite mit anderen Quellen, versuche alles darzulegen, den Forschungsstand usw.. Letztendlich aber kann der Forschungsprozess ein ganz ähnlicher sein. Bei der künstlerischen Arbeitsweise ist das Ergebnis ein anderes. Als Künstler formuliert man pointierter und stellt die eigene Position dann zur Diskussion. Es ist auch weniger die einzelne künstlerische Arbeit, sondern eher die Serie zu einem Thema, die Zusammenhänge bildet und die eine Position ausmacht.

Am ehesten vergleichbar ist das vielleicht mit einer essayistischen Herangehensweise, die es in der Geisteswissenschaft ja auch gibt. Wenn zum Beispiel Thesen formuliert werden ohne haarklein nachzuweisen wo die Gedanken herkommen und auch assoziierend Zusammenhänge konstruiert werden.

Michaela: Du arbeitest auch als Kurator und hast einige der künstlerischen Beiträge aus dem gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Christine Taxer realisierten Buchprojekt “grenzlinien. zu grenzen grenzüberschreitungen und migration.” u.a im Projekt Display des Frankfurter Kunstvereins gezeigt. Sind Frankfurter Institutionen generell offen für alternative Projekte?

Raul: Ich habe da schon ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Grundsätzliche Offenheit ist im Alltagsbetrieb jedoch nicht so besonders groß, leider. Es ist immer noch so und wird wahrscheinlich auch weiterhin so sein, das es eine starre, strikte Trennung zwischen Hochkultur und alternativen Räumen in Frankfurt gibt. Und da muss ich wieder mal eine Lanze für den Kunstverein Familie Montez brechen. Das ist einer der wenigen Räume, wo man relativ unproblematisch, ohne jetzt ein Kunststudium an einer renommierten Kunstschule absolviert zu haben, Anknüpfungspunkte finden kann.

Die großen Institutionen sind sehr stark auf eine Publikumswirkung ausgelegt. In der Ausstellungsszene fehlen die Zwischenräumlichkeiten. Der Portikus oder auch der Frankfurter Kunstverein könnten eine Brücke zwischen dem Alternativen, Freien, Selbstorganisierten und einer etablierten Sammlungstätigkeit sein. Sie füllen diese Aufgabe aber meiner Meinung nach nicht so besonders gut aus, da auch häufig das Bedürfnis da ist, sich zu profilieren, über möglichst prominente Namen und Besucherzahlen. Das ist problematisch.

Das Projektdisplay des Frankfurter Kunstvereins ist eine super Initiative gewesen. Ich habe da allerdings als Letzter eine Ausstellungsreihe gemacht. Das Display wurde dann eingestellt, aufgrund von personellen und zeitlichen Engpässen. Gerade diese Räumlichkeiten wo lokale Kuratoren und lokale Künstler zusammenkommen in einer Art Experimentierfeld sind wahnsinnig wichtig, und auch dieser Raum war über Jahre wahnsinnig wichtig.

Michaela: Ganz ehrlich, ich hatte es besser gefunden, wenn das Display unten auf dem Bahnsteig angebracht worden wäre, da wo große Institutionen wie die Schirn und auch das Archäologische Museum Werbung machen. Dort wäre eine Projektfläche viel effektiver als direkt vor der Rolltreppe, wo die Leute einfach nicht stehen bleiben können, weil sie sonst im Weg stehen.

Raul: Das ist halt das Schaufenster, das aus irgendwelchen Gründen dem FKV zugewachsen ist. Zumindest gab es die Initiative diesen Unort zu nutzen, aber das Projekt einzustellen, weil es eine Person aus dem zehnköpfigen FKV-Team zwei Stunden die Woche beschäftigt, das sehe ich nicht ein. Klar der Raum war nicht optimal, aber es war ein Raum, der zu Intervention einladen hat und zum Nachdenken, aber auch zu einer direkten Arbeit am Raum und der Umgebung, weil man um ihn und auch um den abstrusen Ort an dem sich das ganze befand nicht herum kam.

Michaela: Du engagierst Dich auch für die Erhaltung des Studierendenhauses in Bockenheim und bist wie viele andere der Meinung, dass es eine wichtige Erfahrungsstätte für interdisziplinärer Prozesse ist, „wo alternative Tutorien, Symposien, internationale Politgruppen, Künstler, Wissenschaftler, Studenten, Jung und Alt zusammen treffen, sich austauschen und gemeinsam über ihre Sicht der Welt reflektieren“ (aus dem Aufruf zur Rettung des Studierendenhauses). Wie steht es um solche Räume in Frankfurt?

Raul: Ja, das ist einer dieser wenigen Räume, die es in Frankfurt gibt, wo man unkommerziell und relativ schwellenarm einem kreativen, politischen Leben nachkommen kann. Man kann über einen Kulturcampus soviel reden wie man will. Angesichts der fortschreitenden Kommerzialisierung, dem Ausverkauf von städtischen Immobilien und schweineteuren Mieten sind die Kulturinstitutionen, die dann da auch mal irgendwie rein dürfen nur ein Feigenblatt. Es fehlt in Frankfurt einfach an Raum, vor allem auch an selbstverwaltetem Raum, wie man an den Initiativen sieht, die in letzter Zeit wieder häufiger versuchen durch Besetzung sich einen alternativen kreativen und politischen Raum zu nehmen, was sehr stark restriktiv verfolgt wird. Durch die fortschreitende Kommerzialisierung fallen solche Räumlichkeiten halt hinten runter. Aber wenn wir in dieser Stadt auch in zwanzig bis dreißig Jahren noch in einem gemischten Umfeld leben wollen, und es Orte geben soll, wo man auch über Probleme diskutieren kann, wo Leute, die neu in die Stadt kommen, andocken können, dann brauchen wir einfach solche Orte und zwar selbstverwaltete Orte, die von Initiativen getragen werden und nicht irgendein Saalbaubürgerhausmehrzweckraum, wo man sich nach Voranmeldung einmal monatlich Mittwochs zwischen 9 und 10 treffen kann.

Da muss es also eine weitergehende Offenheit geben. Die Forderungen des ders Haueses der Kulturenbetreffen ja auch nicht den kompletten Campus. Es geht darum, das Studierendenhaus, das durch studentische Selbstverwaltung und politische Bildung entstanden ist, für Ausstellungen, Performances, Theater, politische Veranstaltungen, Konzerte und Festivals zu erhalten. Nur durch solche Initiativen kann sich auch in Zukunft künstlerisch-kreatives, politisch-soziales, sowie wissenschaftlich-kritisches Denken und Schaffen trotz oder gerade entgegen der sich immer weiter kommerzialisierenden Stadt entfalten.

Michaela: Ein Raum der sich gerade erst formiert ist das neue Atelierfrankfurt in der Schwedlerstrasse 1-5. Im Rahmen des Eröffnungsfestivals (19. bis 23.11) zeigt Du eine Installation, Fotos und das Video einer Performance für die Du einen Anker durch die Straßen Frankfurts ziehst. Wofür stand das alte Atelierfrankfurt Deiner Meinung nach und was erhoffst Du Dir vom Neuen? 

Raul: In der Performance „Let Go Anchor!” geht es implizit auch um die Nutzung von Räumlichkeiten für kreative Zwecke. Gerade Künstler ziehen von Atelier zu Ausstellungsraum, von Zwischennutzung zu Kurzzeitmiete. Den Anfang nimmt die Performance im Messeviertel Frankfurts, am ehemaligen Standort des Atelierfrankfurt, an das nur noch eine Baulücke erinnert. Nach dem langen Weg durch das Bahnhofsviertel und am Mainufer entlang, an der neuen EZB und dem neuen Kunstverein Montez vorbei in den Osthafen kommen der Anker und sein Träger schließlich an der neuen Location des Atelierfrankfurts an. Einem weiteren temporären Ankerplatz und als (Video)Installation in der ehemaligen Pförtnerloge.

Der neue Ort des Atelierfrankfurts im Schatten der EZB weckt in mir zwiespältige Gefühle. Zum einen befürchte ich ganz der neoliberalen Rhetorik von „Kunst als Standortfaktor“ und „Creative City“ folgend eine Kommerzialisierung des neuen Atelierhauses, andererseits bieten die Räumlichkeiten viel Freiraum für kreatives Arbeiten und ich erhoffe mir einen Impuls für die Kunstszene Frankfurts. Wichtig wäre hierbei aber, dass das Atelierfrankfurt, seine Mieter und die Leitung, diese Chance auch ergreifen. Ich hoffe, dass es ein kreatives, ein offenes und freies Haus wird in dessen Zentrum, auch nach Außen und in den kuratierten Ausstellungen die lokalen Künstler stehen – aber ohne die politisch-sozialen Entwicklungen außer Acht zu lassen. Denn gerade Kunst und lokale Kreative haben das Potential diese Prozesse und den Wandel des Stadtteils zu begleiten und kritisch zu reflektieren.

Raul Gschrey hat Kunstpädagogik und Anglistik an der Goethe-Universität studiert.  Mit seiner künstlerischen Arbeit reagiert er auf gesellschaftlich relevante Themen, wie Videoüberwachung. Seine Performance sind oft Interventionen im öffentlichen Raum. Diesen Sommer waren Arbeiten von ihm in der Ausstellung „Außer Kontrolle. Leben in einer überwachten Welt“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt und Berlin zu sehen. Raul lehrt an der Fachhochschule Frankfurt/Main und promoviert am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität, Gießen. 

Das BiG – Büro für interdisziplinäre Gesprächskultur, eine Initiative junger Kuratoren aus Frankfurt, eröffnet im Rahmen der Frankfurter Ateliertage (22. und 23.11.) mit einer Veranstaltung zum Thema Abrisshäuser in Frankfurt.

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SCHILF OHNE WASSER – Eine Ausstellung von Wiebke Grösch und Frank Metzger in der Galerie Heike Strelow

Drei durchgebrochene, im Raum aufgestellte Betonplatten bilden einen Bogen, der durch die Ausstellung führt. Auf der äußeren Seite sind sie glatt, mit Spritzern aus Gips marmoriert. Auf der Innenseite verläuft horizontal ein raues Linienrelief: Der Abdruck trockener Schilfhalme. „Schilf ohne Wasser“ ist nicht nur der Titel dieser Objekte, sondern auch der aktuellen Ausstellung in der Galerie Heike Strelow, mit der die neusten Arbeiten des Künstlerduos Wiebke Grösch und Frank Metzger vorgestellt werden. Neben den Skulpturen aus Beton präsentieren Grösch/Metzger mehrere Installationen und  Zeichnungen.

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Ausstellungsansicht „Schilf ohne Wasser“, Foto: Grösch / Metzger

„Schilf ohne Wasser“ ist ein literarisches Bild, das die konzeptuell arbeiteten Künstler Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ entnommen haben und in ein anderes Medium übertragen. Die Kontextverschiebung von sprachlichen Konstrukten aber auch von vorgefundenen Objekten gehört zur Strategie des Künstlerduos, das den Dingen gerne auf den Grund geht. Ausgehend von einer Metapher, die zwei scheinbar gegensätzliche Vorgänge: Wachstum und Zerstörung beinhaltet, verbinden Grösch/Metzger in ihren Betonskulpturen durch die unterschiedlichen Oberflächen von Innen und Außen ebenfalls Gegensätzliches. Es ist jedoch die Zerstörung, der Bruch des zuvor erstarrten Materials, der aus den Platten im Raum stehende Objekte werden lässt. Mit einer simplen Geste liefern die Künstler damit einen plastischen Beweis für den Kreislauf aus Werden, Wachstum, Niedergang, Zerstörung und Wiederaufbau.

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Ausstellungsansicht „Schilf ohne Wasser“, Foto: Grösch / Metzger

Grösch/Metzger sind bekannt für ihre künstlerische Forschung zu den Themen Urbanismus und Soziokultur. Für „Schilf ohne Wasser“ bedienen sie sich eines archäologischen Verfahrens. Der Abdruck wird von den Künstlern aber weniger zur Sicherung und Untersuchung von Überresten vergangener Zivilisationen eingesetzt, als mehr zur Reflexion gegenwärtiger Verhältnisse. Mit dem Abdruck von Schilf in Beton thematisieren Grösch/Metzger nicht nur die Verschiebung von natürlichen zu künstlich hergestellten Baustoffen, sondern sensibilisieren auch für deren unmittelbare Auswirkungen auf den sozialen Raum.

Industrielle Herstellungsweisen und technische Neuerungen sorgen für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Immer deutlicher wird diese Entwicklung als Beschleunigung aller sozialer und wirtschaftlicher Vorgänge wahrgenommen. Wie ein Kommentar auf unser unübersichtlich gewordenes, kaum mehr zu kontrollierendes  Finanzsystem lassen sich die auf Papier versprengten, blauen Abdrücke von Kreditkartensplittern lesen. Bewusstsein für die Unbeständigkeit gegenwärtiger Ordnungen spiegelt sich vor allem in der Zerbrechlichkeit der installativen Arbeiten wieder. Insbesondere im Fall des zum Kubus geschichteten Laubhaufens scheint die Auflösung der konstruierten Form unvermeidlich. Grösch/Metzger schichten auch Glasplatten übereinander. Die unterschiedlichen Blautöne der an die Wand gelehnten Gläser ergeben eine Tiefe, die an Wasser oder vielmehr an dessen Abwesenheit denken lässt. Ebenso wie farbige Gläser gehört auch die mehrfach gebrochene Betonstange, die von einem Metallband im Inneren zusammengehalten wird, zum visuellen Vokabular des Duos. Statt die Gläser zu stützen, wie in früheren Arbeiten, hängt sie nun an der Wand. Es scheint fast so als hätten die Künstler ein fertiges Werk abgelegt, um das zugrundeliegende Prinzip in anderen Formen neu zu erproben.

Ausstellungsansicht

Ohne Titel, 2014 Gips und Metall, 223 × 288 × 2 cm , Foto: Grösch / Metzger

Ebenfalls an der Wand lehnt ein Glasstab aus dem eigentlich Linsen für Mikroskope geschnitten werden sollten. Indem Grösch/Metzger dem Glasstab, der heute nicht mehr produziert wird, eine Klarsichthülle überstülpen, kommentieren sie – nicht ohne Ironie – das unermüdliche Bestreben des Menschen seine Erzeugnisse zu dokumentieren und zu archivieren und hinterfragen damit auch den Wahrheitsanspruch heutiger Ordnungssysteme.

Ausstellungsansicht

Die Raumstadt, 2013, Kinderzeichnungen mit Bunt- und Filzstift auf Buchseiten, Jeweils 25 × 34 cm, Foto: Grösch / Metzger 

Das Projekt „Raumstadt“ gehört zu den „performten Readymades“ des Künstlerduos. Kein industriell hergestelltes Objekt, sondern die Vision eines Stadtplaners bildet den Ausgangspunkt für die künstlerische Aktion. Zum Ausmalen, Übermalen und Ergänzen überließen Grösch/Metzger einer Schulklasse die veröffentlichten Aufzeichnungen des Architekten Schwagenscheidt, der in den 1920er Jahren im Team von Ernst May das Neue Frankfurt mitbaute und später in den 1950er Jahren mit dem Projekt „Raumstadt“ die Nordweststadt gestaltete.

Sowohl die einzelnen Werke als auch ihre Zusammenstellung lassen eine komplexe Vernetzung von Inhalten erkennen. Der Bruch als übergreifendes Stilmittel verbindet eine aktivierende Kraft mit dem Moment der Reflexion. Er steht zum einen für den aktiven Neuanfang als Möglichkeit des politischen Handelns und verweist zugleich auf naturgegebene Prozesse. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen geht einher mit der Reaktivierung und Fortführung künstlerischer Konzepte vor allem der 1960er und -70er Jahre, die in der Kunst einen Neubeginn und Bruch mit der traditionellen Kunstauffassung darstellen.

Wiebke Grösch und Frank Metzger leben und arbeiten in Frankfurt am Main. In den 1990er Jahren studierten sie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main und an der Akademie der bildenden Künste in Wien und realisierten seitdem mehrere Projekte im öffentlichen Raum. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellung in Deutschland und weltweit, wie z.B. aktuell im Blaffer Art Museum in Houston/Texas, zeigen das große Interesse an ihrem Werk. Seit kurzem befindet sich eine ihrer raumgreifenden Arbeiten in der Sammlung des Museums Wiesbaden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 24.10.2014 in der Galerie Heike Strelow, Schwedlerstrasse 1-5, zu sehen.

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NACHT UND TAG – EIN KÜNSTLERBUCH VON EIKE LAEUEN

Eike Laeuens Katalog NACHT UND TAG (erschienen im Kann Verlag) erzählt von flüchtigen Welten und das in einer rhythmisch komponierten Zusammenstellung aus malerischen, zeichnerischen und fotografischen Arbeiten der letzten Jahre.

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Nachts entstehen die Tuschezeichnungen. Surreale Figuren in vieldeutigen Posen wirken wie Traumvisionen und lassen an Goyas Caprichios denken.

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Graffiti-Linien-Gestrüppe leuchten auf Fotos von menschenleeren Betonwüsten, die Eike Laeuen mit seiner Handykamera macht.

Beton gehört zu den Erfindungen, mit denen sich der Mensch eine vermeintlich sicherere Umwelt schafft. Eike Laeuen spürt Randzonen auf, Orte der Transformation, an denen vernachlässigte Ergebnisse menschlicher Konstruktionslust nicht selten mit Natur ringen. Die stillen, täglichen Dramen bannt er auf Fotofilm.

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Licht ist sein Material wenn er unterwegs ist, Farbe ist es im Atelier. Tagsüber malt er oft Freunde. Der fixierte Blick seiner Modelle, die er zunächst fotografiert, begleitet den malerischen Prozess im Atelier, in den auch die eigenen sich wandelnden Gedanken und Emotionen mit einfließen. Das Resultat ist eine expressive Handschrift, die sich entlädt, um Wesentliches zu erfassen. Leerstellen auf der Leinwand erscheinen mal wie Lichtreflexe, oft aber stellen sie das Unfertige heraus. Aus der Farbfläche lösen sich einzelne Pinselstriche, wie die Fäden eines Teppichs.

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Sie finden ihre Fortführung in den  informellen Strukturen, die Eike Laeuen ebenfalls auf Leinwand malt.  Oder aber er schüttet Pinselwasser auf die Fläche und führt so, das was eigentlich übrig bleibt, wieder in den Gestaltungsprozess hinein.

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Eike Laeuen hat in den 80er Jahren an der Städelschule bei Christa Näher und Herbert Schwöbel studiert und lebt heute in Berlin. Er arbeitet oft mit Jugendlichen zusammen, denen er durch die Vermittlung fotografischer Techniken Möglichkeiten des Experimentierens und damit nicht nur neue Formen der sinnlichen Erfahrungen und des kreativen Denkens, sondern auch Räume der Reflexion und des Austausches eröffnet. Im August und September gibt er Kurse an der Freien Kunstakademie Frankfurt. Wer seine Bilder sehen will, kann das im August in der AusstellungsHalle in Sachsenhausen.

Abbildungen aus Eike Laeuen: Nacht und Tag, Kann Verlag 2013

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„SPRENGT DEN TURM“ – BERICHT EINER SCHAULUSTIGEN

Ein grau verhangener Sonntagmorgen. Die Bahnen waren schon vor neun mit Menschen verstopft. Tausende strömten zur Sprengung des AfE-Turms nach Bockenheim. Die meisten Schaulustigen standen an der Messe. Von dort hatte man freie Sicht auf das bisher größte Hochhaus, das in Europa gesprengt werden sollte. Die Stimmung war heiter bis aufgeregt. Schon Wochen zuvor wurden Hotelzimmer mit Blick auf den Turm gebucht, Aussichtsplätze diskutiert und Insider-Tips verbreitet. Jetzt stand man mittendrin und wartete, nutzte die letzte Gelegenheit für ein Bild mit dem grauen Riesen. Ein eigenartiges Rauschen lag in der Luft. Die Menschenmenge verhielt sich, anderes als bei Demos, Konzerten oder Fussballspielen, erstaunlich ruhig. Als das erste Mal Sirenen aufheulten, wusste man, es geht los. Blicke und Smartphonekameras wurden auf den Turm gerichtet. Die Spannung stieg. Eine zweite Sirene dröhnte in der Stille. Alle starrten auf den Turm. Nur Borofskys Hammering Man schlug gleichgültig seinen Slowmotiontakt. 10.02 Uhr. Zwei lange Sekunden Verspätung. Die dritte Sirene war schließlich das Zeichen. Der Countdown begann und klang wie ein Echo aus der Ferne. Zuerst sah man die Explosion. Ein Raunen ging durch die Menge. Sekundenbruchteile später erreichte uns die Schallwelle. Ein Kranz aus Sprengkörpern riss zuerst die graue Außenhülle herunter. Für einen Moment stand nur noch das nackte Treppenhaus, hell leuchtend wie Elfenbein, bevor es abknickte und mit einer Verbeugung im Staub versank. Begeisterung, Jubel! Mit einem so gewaltigen Abgang hatte niemand gerechnet. Der Anblick des einstützenden Gebäudes war schön und brutal zugleich, mein Körper vom Knall und der Erschütterung noch irgendwie benommen. Um uns herum strömten die Menschen schon wieder in alle Richtungen. Die meisten, die man anschließend im KOZ traf, hatten im Turm Soziologie, Politikwissenschaften, Pädagogik oder/und Psychologie studiert. Seit den 70ern kamen von hier immer wieder wichtige Impulse zum Widerstand gegen gesellschaftliche Missstände und absurde Ordnungen. Der Turm bot Raum für Reflexion und Diskussion. Angesichts des großen Leerstands in Frankfurt erschien die eilige Spreng- ung des AfE-Turms vielen wie ein Anschlag auf linkes Gedankengut. Graffitis an den Wänden, das selbstverwaltete TuCa, wie auch die Abwesenheit von Anzugträgern gehörten zu einer studentischen Kultur, die man im Westend so nicht mehr findet. Keine Frage, der neue Campus hat viele Vorzüge. Wer will die Grünflächen im Sommer, den Komfort sauberer Toiletten und funktionierender Aufzüge missen? Aber eine Universität, die wie ein Unternehmen funktioniert und ihre Studenten als Kunden begreift, übernimmt gesellschaftliche Strukturen, die zu hinterfragen, eigentlich ihre Aufgabe wäre.

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‚SU CASA ES MI CASA‘ IN DER PLATFORM SARAI

Die Städelschülerinnen Lena Philipp, Sabine Rak und Anna-Lisa Theisen machen das Haus des Filmemachers Anatoli Skatchkov und seiner Frau Ira Dublin drei Wochen lang zu ihrer Bühne. Mit der Platform Sarai (russisch für kleines Haus oder Werkstatt) hat das Künstlerpaar ein Forum für junge Künstler geschaffen. In der aktuellen Ausstellung treffen drei malerische Welten aufeinander. Lena Philipps Traumbilder in einer Mischtechnik aus Tusche, Aquarell und Öl ziehen den Betrachter in rätselhafte Geschichten hinein, von denen manche an alte Erzählungen erinnern. Ein nacktes Paar steht riesengroß auf einer grünen Insel. Im Blau, das sie umgibt, schimmert hell ein versunkener Turm und über ihnen lockt eine Leiter. Niemand sieht, wohin sie führt. Sabine Raks großformatige Bilder wirken demgegenüber sehr sachlich. Man blickt in menschenleere Räume. Die Leiter steht hier als Gebrauchsgegenstand in einer Ecke. Einen festen Stand bietet der Boden allerdings nicht. Selbst die Wände lösen sich in Farbe auf. Alles ist Illusion. Darauf verweist auch das Bild im Bild, auf dem die Leiter zu Flächen und Linien zersprengt ist. Eine dritte Position bilden die experimentellen Arbeiten von Anna Lisa Theisen. Durch ein chemisches Verfahren erzeugt Theisen weiße Flecken auf der blau bemalten Leinwand, die an eine Sammlung von präparierten Faltern erinnern. Weiß sind auch ihre Miniatureisberge aus Porzellan, die sich auf der glänzend blauen Oberfläche eines schmalen Tisches wie in Wasser spiegeln. Mit wenigen Mitteln gelingt es Theisen ein Gefühl für die Schönheit der Natur zu vermitteln, obwohl ihr Gegenstand nicht, wie man zunächst meinen könnte, die unberührte Natur ist. Die Faltersammlung, wie auch die sehr eng beieinander stehenden Eisberge, zeigen vielmehr die Auswirkungen des zivilisierten Menschen auf die Natur, deren Erscheinungen er sich nicht nur aus wissenschaftlichem oder ästhetischem Interesse aneignet, sondern durch seinen anmaßenden Lebenswandel langsam aber sicher zerstört. Die Ausstellung läuft bis zum 9. Februar.

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