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VERPASSTE CHANCE : JOSEPH BEUYS UND FRANKFURT

Die Tatsache, dass politisches Bewusstsein und Engagement in den 60er/70er Jahre vor allem bei jungen Leuten hoch im Kurs stand, steht in gewissem Widerspruch zur Entwicklung in der Philosophie. Seit Beginn der 60er Jahre verdrängten die Wörter „Regel“, „System“ und „Struktur“ Begriffe wie „Engagement“, „Bewusstsein“ und „Freiheit“ aus den philosophischen Debatten. Die Zeit der Strukturalisten brach an, auch wenn Satre noch über Foucault schimpfte. Sicherlich war es kein Zufall, dass in der Kunst in diesen Jahren neue Strömungen wie minimal art, conceptual art und op art die letzten Avantgardisten ablösten. Raimer Jochims, Maler, Philosoph und Kunsttheoretiker erlebte diese Zeit als Künstler und Lehrer erst in München, dann in Frankfurt, wo er zehn Jahre die Geschicke der Städelschule lenkte. In den siebziger Jahren wollte Jochims Joseph Beuys – von dem er sagt, er sei der letzte Avantgardist gewesen – nach Frankfurt holen, allerdings nicht an die Städelschule. Beuys war nicht mehr daran interessiert an einer staatlichen Institution zu lehren, nachdem er Anfang der 70er wegen einer Protestaktion gegen die Zulassungsbeschränkung der Düsseldorfer Akademie gefeuert worden war. Jochims schlug Beuys vor, seine „freie internationale Universität“* am Mainufer zu realisieren. Auch die Stadt war interessiert und bot ein Gebäude und jährliche Zahlungen an. Beuys ging darauf nicht ein, weil er zum damaligen Zeitpunkt für die Grünen kandidierte. Als er der parlamentarischen Politik, die für ihn zur Sackgasse geworden war, den Rücken zuwandte, war es für Frankfurt schon zu spät.

* Beuys sah in der freien Akademie eine Möglichkeit der Kommunikation, nachdem in den 60/70er Jahren viele verschiedene Bewegungen entstanden waren. Hier sollte gemeinsam eine Alternative zum gesellschaftlichen Status Quo entwickelt werden.

 

 

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