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Interview mit Raul Gschrey im BiG (Büro für interdisziplinäre Gesprächskultur)

Michaela: Raul, Du bist Künstler, Lehrer und Forscher und arbeitest zur Zeit an Deiner Promotion zum Thema “Composite & Eigenface: Histories and Continuities of Human Measurement between Arts and Science” und beschäftigst Dich besonders mit der Technik der Kompositfotografie. Was genau bedeutet Kompositfotografie und warum beschäftigst Du Dich damit?

Raul: Also die Kompositfotografie ist eine ganz merkwürdige fotografische Technik. Sie wurde Ende des 19. Jahrhundert von dem viktorianischen Wissenschaftler Francis Galton entwickelt. Durch die Überblendung von menschlichen Gesichtern versuchte Galton auf visuelle Spezifikationen zu schließen und darüber Typisierungen herzustellen. Er ging davon aus, dass sich durch diese Technik zeigen lässt, wie zum Beispiel der typische Verbrecher oder ein gesunder Soldat des damaligen Empire aussieht. Dahinter liegt natürlich die Idee, von äußerlichen Charakteristika auf innere Dispositionen schließen zu können, d.h. anhand der Größe von Nase, Augen, Mund usw. psychische Probleme oder kriminelle Eigenschaften zu erkennen. Galtons Kompositfotografie bezieht sich auf ältere physiognomische Konzepte, als man die Maße und Proportionen vom menschlichen Kopf bzw. Gesicht nahm, um anhand dieser auf Charaktereigenschaften zu schließen. Galton gilt übrigens heute als Begründer der Eugenik, also einer Vererbungspolitik die darauf abzielte, den Anteil positiv bzw. negativ bewerteter Erbanlagen zu vergrößern bzw. zu verringern. Seine Theorien wurden später zum Bezugspunkt nationalsozialistischer Rassenlehre.

Was mich besonders an der Technik interessiert, ist, dass sie zu Beginn der Fotografie entstand. 1870 war die Fotografie ein junges Medium im Findungsprozess und bewegte zwischen einer mechanischen, objektiv-wissenschaftlichen Darstellung der Realität und künstlerisch kreativen Ansätzen, bei denen es eher darum ging Stimmungen auszudrücken. Kompositfotografien, die zur vermeintlich wissenschaftlichen Analyse eingesetzt wurden, tatsächlich aber eher wie Geisterbilder aussahen, lagen irgendwo dazwischen.

Es gibt außerdem interessante Bezüge zur heutigen biometrischen Erkennung. Alphonse Bertillon, ein französischer Kriminologe, der die Grundlagen für die biometrische Erkennung schuf, war ein Zeitgenosse Galtons. Die beiden haben sich nicht nur gekannt, sondern auch aufeinander bezogen. Bertillon hat anhand von elf Maßen des menschlichen Körpers eine fast unfehlbare Art und Weise der Identifikation des Individuums entwickelt. Ein Teil dieser Identifikation war auch das frontale und laterale Porträt, die typischen “Verbrecherbilder“, die wir kennen. Obwohl Bertillon eine individualisierte Identifizierung vornahm und Galton eher versuchte zu Typisieren, weisen ihre Fotografien starke visuelle Gemeinsamkeiten auf. Auch verraten beide Ansätze etwas über das Menschenbild der Zeit. Nämlich dass man Identität reduzierte: auf das was durch eine fotografische Linse abbildbar ist. Während Galton versuchte den Durchschnitt zu produzieren, ermittelte Bertillon den Unterschied vom Durchschnitt. Beides steckt in der heutigen biometrischen Erkennung. Automatisierte Gesichtserkennungssysteme berechnen die Abweichungen des Individuums vom Durchschnitt.

Kompositfotografie taucht heute vor allem im künstlerischen Kontext auf. Nancy Burson, eine amerikanische Künstlerin, arbeitete in den 80er Jahren mit analoger Kompositfotografie. Zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten entwickelte sie das Morphing, die digitale Überblendung von Gesichtern und später auch eine Alterungssoftware, die jetzt wiederum in der kriminologischen Praxis eingesetzt wird.

Mich interessiert wie Künstler heutzutage mit der ‚Kompositfotografieumgehen. Benutzen sie es unreflektiert oder verhalten sie sich zur Geschichte der Technik, die ja durchaus problematisch ist. Außerdem schaue ich, wie künstlerische Positionen auf heutige, biometrischen Identifikationstechniken reagieren. Letztendlich versuche ich mit meinem Promotionsprojekt ein Dreieck aus Kunst – Wissenschaft, Identifizierung – Typisierung, Vergangenheit – Gegenwart zu bilden.

Michaela: Wie gehst Du dabei vor? Spielt Deine künstlerische Ausbildung eine Rolle für Deine historische Forschung? Gibt es Dinge die Du anders machst als der Historiker? Und wie unterscheidet sich die künstlerische Forschung generell von akademischer Wissenschaft?

Raul: Ich schau mir die Bilder ganz genau an. Wie sind sie zustande gekommen? Wer hat sie produziert? Wo kommen sie eigentlich her? Was waren die Machtmechanismen, die zu den Bildern geführt haben? Worauf beziehen sie sich visuell und wie wirkt die Ikonographie, die sie produziert haben, heutzutage? Bevor ich mich theoretisch mit dem Thema Kompositfotografie auseinandergesetzt habe, habe ich außerdem selbst schon künstlerisch mit der Technik gearbeitet.

Es gibt Gemeinsamkeiten. Als Künstler kommt man meist auch über die Recherche zu einem Thema. Man entwickelt oft Dinge, die es vorher schon mal irgendwann gegeben hat und erzeugt Bilder, die in einem anderen Kontext schon da waren. Wenn man das dann bemerkt, bekommen die eigenen Bilder, die eigene künstlerische Produktion wieder eine andere Richtung. Recherchieren, Produzieren, Schauen, was es sonst noch gibt, dann wieder in die eigene Arbeit einsteigen. Dieser Prozess bestimmt auch das wissenschaftliche Arbeiten.

Der zentrale Unterschied würde ich sagen ist, dass ich, wenn ich aus der wissenschaftlichen Perspektive argumentiere, viel stärker versuche mich abzusichern. Ich arbeite mit anderen Quellen, versuche alles darzulegen, den Forschungsstand usw.. Letztendlich aber kann der Forschungsprozess ein ganz ähnlicher sein. Bei der künstlerischen Arbeitsweise ist das Ergebnis ein anderes. Als Künstler formuliert man pointierter und stellt die eigene Position dann zur Diskussion. Es ist auch weniger die einzelne künstlerische Arbeit, sondern eher die Serie zu einem Thema, die Zusammenhänge bildet und die eine Position ausmacht.

Am ehesten vergleichbar ist das vielleicht mit einer essayistischen Herangehensweise, die es in der Geisteswissenschaft ja auch gibt. Wenn zum Beispiel Thesen formuliert werden ohne haarklein nachzuweisen wo die Gedanken herkommen und auch assoziierend Zusammenhänge konstruiert werden.

Michaela: Du arbeitest auch als Kurator und hast einige der künstlerischen Beiträge aus dem gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Christine Taxer realisierten Buchprojekt “grenzlinien. zu grenzen grenzüberschreitungen und migration.” u.a im Projekt Display des Frankfurter Kunstvereins gezeigt. Sind Frankfurter Institutionen generell offen für alternative Projekte?

Raul: Ich habe da schon ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Grundsätzliche Offenheit ist im Alltagsbetrieb jedoch nicht so besonders groß, leider. Es ist immer noch so und wird wahrscheinlich auch weiterhin so sein, das es eine starre, strikte Trennung zwischen Hochkultur und alternativen Räumen in Frankfurt gibt. Und da muss ich wieder mal eine Lanze für den Kunstverein Familie Montez brechen. Das ist einer der wenigen Räume, wo man relativ unproblematisch, ohne jetzt ein Kunststudium an einer renommierten Kunstschule absolviert zu haben, Anknüpfungspunkte finden kann.

Die großen Institutionen sind sehr stark auf eine Publikumswirkung ausgelegt. In der Ausstellungsszene fehlen die Zwischenräumlichkeiten. Der Portikus oder auch der Frankfurter Kunstverein könnten eine Brücke zwischen dem Alternativen, Freien, Selbstorganisierten und einer etablierten Sammlungstätigkeit sein. Sie füllen diese Aufgabe aber meiner Meinung nach nicht so besonders gut aus, da auch häufig das Bedürfnis da ist, sich zu profilieren, über möglichst prominente Namen und Besucherzahlen. Das ist problematisch.

Das Projektdisplay des Frankfurter Kunstvereins ist eine super Initiative gewesen. Ich habe da allerdings als Letzter eine Ausstellungsreihe gemacht. Das Display wurde dann eingestellt, aufgrund von personellen und zeitlichen Engpässen. Gerade diese Räumlichkeiten wo lokale Kuratoren und lokale Künstler zusammenkommen in einer Art Experimentierfeld sind wahnsinnig wichtig, und auch dieser Raum war über Jahre wahnsinnig wichtig.

Michaela: Ganz ehrlich, ich hatte es besser gefunden, wenn das Display unten auf dem Bahnsteig angebracht worden wäre, da wo große Institutionen wie die Schirn und auch das Archäologische Museum Werbung machen. Dort wäre eine Projektfläche viel effektiver als direkt vor der Rolltreppe, wo die Leute einfach nicht stehen bleiben können, weil sie sonst im Weg stehen.

Raul: Das ist halt das Schaufenster, das aus irgendwelchen Gründen dem FKV zugewachsen ist. Zumindest gab es die Initiative diesen Unort zu nutzen, aber das Projekt einzustellen, weil es eine Person aus dem zehnköpfigen FKV-Team zwei Stunden die Woche beschäftigt, das sehe ich nicht ein. Klar der Raum war nicht optimal, aber es war ein Raum, der zu Intervention einladen hat und zum Nachdenken, aber auch zu einer direkten Arbeit am Raum und der Umgebung, weil man um ihn und auch um den abstrusen Ort an dem sich das ganze befand nicht herum kam.

Michaela: Du engagierst Dich auch für die Erhaltung des Studierendenhauses in Bockenheim und bist wie viele andere der Meinung, dass es eine wichtige Erfahrungsstätte für interdisziplinärer Prozesse ist, „wo alternative Tutorien, Symposien, internationale Politgruppen, Künstler, Wissenschaftler, Studenten, Jung und Alt zusammen treffen, sich austauschen und gemeinsam über ihre Sicht der Welt reflektieren“ (aus dem Aufruf zur Rettung des Studierendenhauses). Wie steht es um solche Räume in Frankfurt?

Raul: Ja, das ist einer dieser wenigen Räume, die es in Frankfurt gibt, wo man unkommerziell und relativ schwellenarm einem kreativen, politischen Leben nachkommen kann. Man kann über einen Kulturcampus soviel reden wie man will. Angesichts der fortschreitenden Kommerzialisierung, dem Ausverkauf von städtischen Immobilien und schweineteuren Mieten sind die Kulturinstitutionen, die dann da auch mal irgendwie rein dürfen nur ein Feigenblatt. Es fehlt in Frankfurt einfach an Raum, vor allem auch an selbstverwaltetem Raum, wie man an den Initiativen sieht, die in letzter Zeit wieder häufiger versuchen durch Besetzung sich einen alternativen kreativen und politischen Raum zu nehmen, was sehr stark restriktiv verfolgt wird. Durch die fortschreitende Kommerzialisierung fallen solche Räumlichkeiten halt hinten runter. Aber wenn wir in dieser Stadt auch in zwanzig bis dreißig Jahren noch in einem gemischten Umfeld leben wollen, und es Orte geben soll, wo man auch über Probleme diskutieren kann, wo Leute, die neu in die Stadt kommen, andocken können, dann brauchen wir einfach solche Orte und zwar selbstverwaltete Orte, die von Initiativen getragen werden und nicht irgendein Saalbaubürgerhausmehrzweckraum, wo man sich nach Voranmeldung einmal monatlich Mittwochs zwischen 9 und 10 treffen kann.

Da muss es also eine weitergehende Offenheit geben. Die Forderungen des ders Haueses der Kulturenbetreffen ja auch nicht den kompletten Campus. Es geht darum, das Studierendenhaus, das durch studentische Selbstverwaltung und politische Bildung entstanden ist, für Ausstellungen, Performances, Theater, politische Veranstaltungen, Konzerte und Festivals zu erhalten. Nur durch solche Initiativen kann sich auch in Zukunft künstlerisch-kreatives, politisch-soziales, sowie wissenschaftlich-kritisches Denken und Schaffen trotz oder gerade entgegen der sich immer weiter kommerzialisierenden Stadt entfalten.

Michaela: Ein Raum der sich gerade erst formiert ist das neue Atelierfrankfurt in der Schwedlerstrasse 1-5. Im Rahmen des Eröffnungsfestivals (19. bis 23.11) zeigt Du eine Installation, Fotos und das Video einer Performance für die Du einen Anker durch die Straßen Frankfurts ziehst. Wofür stand das alte Atelierfrankfurt Deiner Meinung nach und was erhoffst Du Dir vom Neuen? 

Raul: In der Performance „Let Go Anchor!” geht es implizit auch um die Nutzung von Räumlichkeiten für kreative Zwecke. Gerade Künstler ziehen von Atelier zu Ausstellungsraum, von Zwischennutzung zu Kurzzeitmiete. Den Anfang nimmt die Performance im Messeviertel Frankfurts, am ehemaligen Standort des Atelierfrankfurt, an das nur noch eine Baulücke erinnert. Nach dem langen Weg durch das Bahnhofsviertel und am Mainufer entlang, an der neuen EZB und dem neuen Kunstverein Montez vorbei in den Osthafen kommen der Anker und sein Träger schließlich an der neuen Location des Atelierfrankfurts an. Einem weiteren temporären Ankerplatz und als (Video)Installation in der ehemaligen Pförtnerloge.

Der neue Ort des Atelierfrankfurts im Schatten der EZB weckt in mir zwiespältige Gefühle. Zum einen befürchte ich ganz der neoliberalen Rhetorik von „Kunst als Standortfaktor“ und „Creative City“ folgend eine Kommerzialisierung des neuen Atelierhauses, andererseits bieten die Räumlichkeiten viel Freiraum für kreatives Arbeiten und ich erhoffe mir einen Impuls für die Kunstszene Frankfurts. Wichtig wäre hierbei aber, dass das Atelierfrankfurt, seine Mieter und die Leitung, diese Chance auch ergreifen. Ich hoffe, dass es ein kreatives, ein offenes und freies Haus wird in dessen Zentrum, auch nach Außen und in den kuratierten Ausstellungen die lokalen Künstler stehen – aber ohne die politisch-sozialen Entwicklungen außer Acht zu lassen. Denn gerade Kunst und lokale Kreative haben das Potential diese Prozesse und den Wandel des Stadtteils zu begleiten und kritisch zu reflektieren.

Raul Gschrey hat Kunstpädagogik und Anglistik an der Goethe-Universität studiert.  Mit seiner künstlerischen Arbeit reagiert er auf gesellschaftlich relevante Themen, wie Videoüberwachung. Seine Performance sind oft Interventionen im öffentlichen Raum. Diesen Sommer waren Arbeiten von ihm in der Ausstellung „Außer Kontrolle. Leben in einer überwachten Welt“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt und Berlin zu sehen. Raul lehrt an der Fachhochschule Frankfurt/Main und promoviert am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität, Gießen. 

Das BiG – Büro für interdisziplinäre Gesprächskultur, eine Initiative junger Kuratoren aus Frankfurt, eröffnet im Rahmen der Frankfurter Ateliertage (22. und 23.11.) mit einer Veranstaltung zum Thema Abrisshäuser in Frankfurt.

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